KI bietet Unternehmen die Chance für einen mächtigen Innovationsschub. Die Crux daran ist, dass sie diese Chance möglichst schnell nutzen müssen, um nicht von der Konkurrenz überholt zu werden. Welchen Prioritäten sollten sie dabei folgen?

Künstliche Intelligenz birgt für Deutschland ein Wertschöpfungspotenzial von 330 Milliarden Euro, hatte letztes Jahr eine Studie von IW Consult im Auftrag von Google ergeben. Dieses Potenzial lässt sich allerdings nur unter der Voraussetzung erschließen, dass KI in mehr als 50 Prozent der deutschen Unternehmen zum Einsatz kommt. Davon ist Deutschland momentan noch weit entfernt. Laut einer aktuellen Studie von Bitkom setzen derzeit nur 20 Prozent der Unternehmen KI ein. In KI investiert haben immerhin schon 32 Prozent.
Ist das schon ein Grund zur Beunruhigung? Immerhin ist die deutsche Industrie dafür bekannt, mit neuen IT-Technologien relativ spät aus den Startlöchern zu kommen, diese aber umso intensiver zu ihrem Vorteil anzuwenden, sobald sie sich ihrer Sache sicher ist.
Im Fall von KI ist die Sachlage jedoch etwas komplexer. Einerseits sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit alles andere als geeignet, um sich auf Experimente und unnötige Risiken einzulassen. Andererseits ist aber das Tempo der technologischen Entwicklung so hoch und die durch den Einsatz von KI erzielbaren Vorteile so groß, dass Unternehmen Gefahr laufen, Nachteile im Wettbewerb zu erleiden, wenn sie zu spät reagieren. Die Einführung autonomer KI-Agenten zum Beispiel verspricht eine Steigerung der Produktivität um das Zehnfache.
KI kann Standortnachteile ausgleichen
Wie deutsche Unternahmen sich in einer solchen Situation verhalten und welche Prioritäten sie dabei setzen sollten, erkundete ein Roundtable-Gespräch zwischen Branchenexperten und der Fachpresse während des letzten ServiceNow World Forums in München.
„Wenn 20 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI einsetzen, dann ist das erschreckend gering, vor allem angesichts der hohen Lohn- und Energiekosten in Europa“, sagte Jochen Borenich, CSO beim IT-Dienstleister CANCOM SE. Er stellte fest dass die KI-Marktdurchdringung bei Großunternehmen um einiges größer als im Mittelstand ist, aber dass letzterer eine Riesenchance und eine gute Ausgangsbasis hat. „n Deutschland sitzen 1.600 der weltweit ca. 3.600 Hidden Champions, die in ihrer Disziplin Marktführer sind“, so Borenich. „Wir müssen also alles tun, damit diese Unternehmen Hidden Champions bleiben. Und wir können die Nachteile, die wir in Bezug auf Lohn- und Energiekosten, aber auch durch den Fachkräftemangel haben, zum Teil durch Technologie ausgleichen.“
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Den Schlüssel zu einer höheren Verbreitung von KI in Deutschland sieht Borenich darin, dem Mittelstand einen Weg zu bieten, über den KI-Technologie ohne viel eigene Entwicklungsarbeit anwendbar ist. „Das ist einer der Gründe, warum wir durch eine Partnerschaft mit ServiceNowLösungen anbieten, die für den Mittelstand kostengünstig und leicht einsetzbar sind“, so Borenich. Damit könnten auch Unternehmen mit kleinerem Umsatz von den Vorteilen profitieren, die sonst Großunternehmen vorbehalten wären. „Wir setzen seit fünf Jahren ServiceNow ein. Die Lerneffekte, die wir damit erzielt haben, zum Beispiel mit KI im Service-Desk, stellen wir nun dem Mittelstand zur Verfügung.“
KI in die Fertigungshalle tragen
Einen ähnlichen Weg geht Siemens mittels einer Kooperation mit ServiceNow. „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit ServiceNow im Bereich IT Service Workflows zusammen,“ sagt Dr. Michael Schrapp, Department Head Industrial AI bei Siemens Digital Industries. „Wir sehen jetzt aber, dass die Verschmelzung zwischen IT und OT (Operational Technology, Produktionstechnik) immer wichtiger wird. Wir denken, dass wir gemeinsam mit ServiceNow die beiden Welten sehr gut miteinander verknüpfen können.“
Ein gemeinsames Projekt ist schon seit geraumer Zeit der Asset Hub, in dem festgehalten wird, welche Maschinen in einer Fertigungslinie vorhanden sind. Da Produktionsanlagen meist über Jahre gewachsen sind, ist die Aufgabe der Dokumentation vorhandener Assets inklusive der jeweils genutzten Einstellungen nicht ganz so einfach, wie sie auf dem ersten Blick aussehen könnte. Zwei weitere Projekte wurden während des World Forums angekündigt.
Das erste betrifft die Sicherheit von Fertigungsanlagen, wo die Kombination aus Now Platform und Siemens-Software dafür sorgt, dass die Anlagen vor externen Angriffen sicher sind. Beim zweiten wird generative KI (GenAI) in Form des kürzlich vorgestellten Industrial Copilot von Siemens mit der Workflow-Automatisierung von ServiceNow kombiniert. „Es geht im Wesentlichen darum, Transparenz im Shopfloor zu bekommen – also durch die Nutzung dynamischer Daten zu wissen, was in den einzelnen Maschinen passiert“, erklärt Schrapp. „Beim nächsten Schritt werden durch automatisch generierte Tickets Workflows gestartet und durch den Einsatz von AI Agents abgearbeitet, bis hin zur Schaffung selbstheilender Systeme. Damit wollen wir wie Software-getriebene Automatisierung mit der KI zusammenbringen.“
KI gegen Fachkräftemangel
Sowohl Dr. Michael Schrapp als auch Jochen Borenich sehen KI auch bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels eine wichtige Rolle spielen. „Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann müssen wir KI in alle Domänen des Unternehmens bringen, von der HR-Abteilung bis hin zum Service und der Fertigung“, erklärt Schrapp. „Generative KI kann zum Beispiel einem unerfahrenen Mitarbeiter in der Produktion sehr schnell helfen, auf das Produktivitätsniveau eines einigermaßen erfahrenen Mitarbeiters zu kommen. Das konnten wir sehr gut beobachten, als wir unseren Industrial Copilot einführten.“
„Wir hatten neulich ein Gespräch mit dem Personalchef eines Verkehrsbetriebes, der berichtet hat, dass über 10.000 Mitarbeiter bei seiner Organisation in den nächsten fünf Jahren in Pension gehen“, ergänzt Andreas Weber, Leiter Solution Consulting bei ServiceNow. „Bis vor zwei-drei Jahren hat es bis zu vier Wochen gedauert, einen Mitarbeiter voll onzuboarden, im Sinne des Zugriffs auf alle Systeme, weil alles auf Papier basierte. Dank der Digitalisierung dauert es heute nur noch einen Tag, bis neue Mitarbeiter voll produktiv sind. Das löst zwar noch nicht das Personalproblem im Sinne des Fachkräftemangels, gibt Unternehmen aber die Chance, durch die Automatisierung die Arbeit besser zu managen.“
KI kann aber auch immer mehr Aufgaben übernehmen, für die normalerweise Fachkräfte vorgesehen sind. „Uns fehlen momentan 3,5 Millionen Fachkräfte weltweit im Bereich Security“, erzählt Jochen Borenich. „Gleichzeitig werden wir bei CANCOM mit über drei Millionen Security-Events im Jahr konfrontiert. Deswegen wird KI von uns massiv eingesetzt, um Angriffe abzuwehren.“
Kleinere, anwendungsspezifische KI-Modelle
Je eher sich Unternehmen mit KI auseinandersetzen, desto größer ihre Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben, darin waren sich die Experten einig. Für die zu jedem Unternehmen passenden Lösungen sorgt die Tech-Industrie und der rasante technische Fortschritt – zum Beispiel im Bereich KI-Modelle. „Die Modellvielfalt wird immer größer und hinzu kommen beispielsweise Task-spezifische Modelle, die nur für einen bestimmten Zweck einsetzbar sind, dafür aber leichter trainiert werden können als große Sprachmodelle.“
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Schrapp geht davon aus, dass die Modelle mit der Zeit anwendungsspezifischer werden, was aber nicht unbedingt heißen muss, dass man für jeden einzelnen Anwendungsfall ein eigenes Modell brauchen wird. „Kleinere Modelle kommen auch den Hidden Champions entgegen, weil sie mit weniger Aufwand und Energie trainiert werden können“, konstatiert Jochen Borenich.
Schrapp weist darauf hin, dass Modellvielfalt mitunter voraussetzt, dass die Modelle miteinander kommunizieren können müssen – eine Anmerkung, über die sich Andreas Weber von ServiceNow besonders freut. „Das passt gut zu unserer Plattformstrategie. Diese sieht vor, dass wir verschiedene Modelle in der Now Platform integrieren können. Darin integriert sind sie einerseits eng miteinander verwoben, andererseits können sie trotzdem individuell angesprochen werden“, so Weber.
Mehr über die KI-Fähigkeiten der Now Platform von ServiceNow erfahren Sie hier.
